Warum Menschen mit Behinderungen Klartext reden müssen
Der blinde Fleck mitten in der Familie
Wenn über Ungleichbehandlung gesprochen wird, denken viele zuerst an Behörden, Schulen oder Arbeitgeber. Für viele Menschen mit Behinderungen beginnt sie jedoch früher und näher. In der eigenen Familie. Dort, wo Schutz und Vertrauen selbstverständlich sein sollten, wird oft entschieden, wem Verantwortung zugetraut wird und wem nicht.
Diese Entscheidungen werden selten als Diskriminierung verstanden. Sie heißen Fürsorge, Absicherung oder Vorsicht. Doch genau diese gut gemeinte Zurückhaltung führt dazu, dass Menschen mit Behinderungen zwar versorgt, aber nicht gleichwertig beteiligt werden. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt diesen Mechanismus als strukturelle Benachteiligung, die nicht aus böser Absicht entsteht, sondern aus gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern
https://www.bpb.de/themen/inklusion-teilhabe/behinderungen/
Der Neid Vorwurf als bequeme Abwehr
Sobald Menschen mit Behinderungen diese Ungleichbehandlung benennen, verschiebt sich der Fokus. Statt über Gerechtigkeit zu sprechen, wird ihre Motivation hinterfragt. Dann fällt ein Wort, das alles beruhigen soll. Neid.
Dieser Vorwurf ist wirksam, weil er Kritik entwertet. Wer als neidisch gilt, muss nicht ernst genommen werden. Aus einer strukturellen Frage wird ein persönliches Problem. Das Deutsche Institut für Menschenrechte weist seit Jahren darauf hin, dass genau diese Individualisierung ein zentrales Merkmal von Diskriminierung ist
https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/themen/rechte-von-menschen-mit-behinderungen
Neid bedeutet, jemandem etwas nicht zu gönnen.
Hier geht es um etwas anderes.
Es geht um Anerkennung, Zugehörigkeit und gleiche Würde.
Niedrige Erwartungen erzeugen Ungleichheit
Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen mit Behinderungen nicht deshalb benachteiligt werden, weil sie weniger leisten, sondern weil man ihnen weniger zutraut. Diese niedrigen Erwartungen wirken sich auf Bildungswege, Erwerbsarbeit und familiäre Rollen aus. Was nicht zugetraut wird, wird nicht ermöglicht.
Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen benennt diesen Zusammenhang klar. Ungleichheit entsteht dort, wo Teilhabe von vornherein eingeschränkt wird
https://www.behindertenbeauftragter.de
Weniger Zutrauen führt zu weniger Chancen.
Weniger Chancen werden später als Begründung für Ausschluss genutzt.
Ein Kreislauf, der sich selbst stabilisiert.
Wer bestimmt eigentlich, was Erfolg ist
Unsere Gesellschaft definiert Erfolg eng. Besitz, Produktivität und wirtschaftliche Verwertbarkeit gelten als Maßstab. Viele Lebensleistungen von Menschen mit Behinderungen fallen durch dieses Raster. Selbstständigkeit im Alltag, der Umgang mit Barrieren, das Tragen von Verantwortung unter erschwerten Bedingungen werden selten als Erfolg anerkannt.
Die Disability Studies zeigen deutlich, dass Menschen mit Behinderungen häufig ein breiteres Erfolgsverständnis entwickeln. Erfolg heißt hier oft, das eigene Leben selbst zu gestalten und trotz struktureller Hürden handlungsfähig zu bleiben. Eine gut verständliche Einführung dazu findet sich im Online Handbuch Inklusion als Menschenrecht
https://www.inklusion-als-menschenrecht.de
Wenn Familie gesellschaftliche Ungleichheit verstärkt
Familie ist kein neutraler Raum. Sie ist Teil der Gesellschaft und reproduziert deren Werte. Wird Menschen mit Behinderungen innerhalb der Familie weniger zugetraut, verstärkt sich gesellschaftliche Ausgrenzung auf einer sehr persönlichen Ebene.
Das Deutsche Institut für Menschenrechte weist im Zusammenhang mit der UN Behindertenrechtskonvention darauf hin, dass Diskriminierung häufig im privaten Umfeld beginnt und dort besonders wirksam ist
https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/das-institut/monitoring-stelle-un-brk/die-un-brk
Gerechtigkeit bedeutet Ausgleich, nicht Gleichmacherei
Gerechtigkeit heißt nicht, alle gleich zu behandeln. Gerechtigkeit heißt, unterschiedliche Ausgangslagen ernst zu nehmen. Die UN Behindertenrechtskonvention, die auch in Deutschland gilt, verpflichtet dazu, reale Teilhabe zu ermöglichen und nicht nur formale Gleichheit herzustellen
https://www.behindertenrechtskonvention.info
Wer Menschen mit Behinderungen systematisch von Verantwortung, Ressourcen oder Anerkennung ausschließt, handelt diskriminierend, auch wenn dies gut gemeint ist.
Der Neid Vorwurf schützt die falschen Strukturen
Der Vorwurf des Neids lenkt ab. Er schützt bestehende Machtverhältnisse und entlastet diejenigen, die von ihnen profitieren. Er macht aus berechtigter Kritik ein persönliches Defizit.
Ungerechtigkeit ist kein Gefühl.
Ungerechtigkeit ist eine Struktur.
Klartext ist Selbstachtung
Menschen mit Behinderungen müssen sich nicht dankbar zeigen für reduzierte Teilhabe. Sie müssen sich nicht rechtfertigen, wenn sie Ungleichbehandlung benennen. Klartext ist kein Angriff, sondern ein Akt der Selbstachtung.
Solange Ungerechtigkeit nicht klar benannt wird, bleibt Inklusion ein Versprechen ohne Wirkung.
