Titelseite der Zeitschrift „BdS aktuell“, Heft 3, Mai und Juni 2026. Fünf Personen stehen hinter einem Informationsstand des Bundes der Schwerhörigen Hamburg in der Hamburger Meile. Auf dem Stand liegen Informationsmaterialien und Angebote rund um Hörbehinderung und Kommunikation.

Das anstrengendste am Nicht Hören sind oft die Hörenden

Artikel BdS Aktuell

Wer eine Hörbehinderung hat, lernt schnell eine unbequeme Wahrheit über seine Mitmenschen: Die wenigsten können so gut kommunizieren, wie sie von sich glauben. Sie reden im Weggehen, nuscheln in Kaffeetassen, rufen aus anderen Räumen und sind dann ehrlich irritiert, wenn man nicht alles verstanden hat. Das eigentliche Problem beginnt oft nicht im Ohr, sondern erst in dem Moment, in dem andere den Mund aufmachen.

Im echten Leben reden Menschen nämlich gern mit dem Rücken zum Gegenüber, durch die halb geschlossene Tür oder direkt in den Kühlschrank. Besonders ambitionierte Exemplare sprechen gleichzeitig mit einem, mit ihrem Handy und mit einem Käsebrötchen. Und wenn man dann nachfragt, schauen sie, als hätte man gerade ihre Steuererklärung vernichtet.

Überhaupt dieses Nachfragen. Es ist eines der großen Missverständnisse unserer Zeit, dass „Wie bitte?“ als Zumutung gilt. Dabei ist es in Wahrheit oft nur die freundliche Übersetzung von: Ich würde ja gern verstehen, was du sagst, aber du hast den halben Satz in deinen Schal genuschelt und den Rest beim Umdrehen Richtung Zimmerpflanze entsorgt.

Wer schwer hört, hört eben nicht einfach nur weniger. Er muss mehr arbeiten. Mehr schauen, mehr kombinieren, mehr erraten, mehr aus Gesichtern lesen, mehr sortieren, mehr aushalten. Was für andere ein lockeres Gespräch ist, ist für manche ein Denkspiel unter Zeitdruck. Ein sozialer Hindernislauf mit Geräuschkulisse. Und trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, das Problem liege hauptsächlich im Ohr.

Dabei sitzt die eigentliche Barriere oft direkt gegenüber.

Denn die Hörenden haben ihre ganz eigenen Spezialbegabungen. Die einen werden beim kleinsten Hinweis auf eine Hörbehinderung schlagartig zu Laienschauspielern in der Rolle „überdeutlicher Mensch mit Sendungsbewusstsein“. Dann wird nicht mehr gesprochen, sondern silbenweise aufgeführt. Viel. Zu. Laut. Als ließe sich Verständlichkeit durch Lautstärke und Übertreibung ersetzen.

Die anderen reagieren genervt. Sie wiederholen denselben unverständlich genuschelten Satz einfach noch einmal, nur diesmal mit beleidigter Würde. Als müsse die Botschaft nicht akustisch, sondern moralisch ankommen. Und dann gibt es noch jene, die allen Ernstes aus dem Nebenraum etwas rufen und sich wundern, dass keine Antwort kommt. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viele Menschen eine Hörbehinderung behandeln wie einen bloßen Verbesserungsvorschlag.

Besonders anstrengend wird es in Gruppen. Gruppen sind für Menschen mit Hörbehinderung ungefähr das, was Glatteis für Stöckelschuhe ist. Theoretisch machbar, praktisch unmöglich. Drei reden gleichzeitig, einer lacht schon zu früh, irgendwo klappert Geschirr, und bis man halbwegs rekonstruiert hat, worum es gerade geht, ist das Gespräch schon beim nächsten Thema. Wer dann stiller wird, gilt schnell als reserviert. In Wahrheit ist er oft einfach müde. Nicht vom Zuhören, sondern vom dauernden Hinterherarbeiten.

Das ist vielleicht der Punkt, den Hörende am seltensten begreifen: Hörbehinderung ist nicht nur eine Einschränkung des Hörens. Sie ist eine tägliche Zusatzschicht. Eine ständige Anpassungsleistung in einer Welt, die ihre Kommunikation für völlig normal hält, obwohl sie in Wahrheit oft chaotisch, rücksichtslos und erstaunlich schlecht organisiert ist.

Und nein, die Lösung ist nicht Mitleid. Es braucht keine betretene Stimme und keinen pädagogischen Ausnahmezustand. Es würde schon helfen, wenn Menschen beim Sprechen hinschauen, nicht nuscheln, nicht aus dem Laufen heraus ganze Halbsätze verschenken und Nachfragen nicht als persönlichen Angriff werten würden. Kurz gesagt: etwas weniger kommunikative Selbstüberschätzung wäre ein Anfang.

Hörbehinderung ist deshalb auch ein Gesellschaftstest. Er zeigt ziemlich zuverlässig, wie inklusiv unser Alltag wirklich ist. Die Ergebnisse sind durchwachsen. Wir reden gern von Teilhabe, aber oft nicht so, dass auch alle teilhaben können. Wir halten uns für aufgeschlossen, sind aber schon genervt, wenn ein Satz zweimal gesagt werden muss. Und wir bilden uns viel auf unsere Kommunikation ein, obwohl sie oft schon an einem vollen Café und einem nuschelnden Gesprächspartner scheitert.

Das anstrengendste am Nicht Hören ist eben häufig nicht die Stille. Es sind die Hörenden. Jene Menschen also, die problemlos hören können und trotzdem erstaunlich selten auf die Idee kommen, verständlich zu sprechen. Man könnte es auch böser formulieren: Nicht alle Barrieren sind eingebaut. Manche fangen einfach an zu reden.

Spruch des Tages: Wer verstanden werden will, sollte nicht in den Kühlschrank sprechen.